Warum diese Studie?

Seit langem weiß man, dass ärmere und langzeitarbeitslose Menschen seltener wählen. Dies ist durch zahlreiche Studien, etwa der Bertelsmann Stiftung belegt. In einer Untersuchung der Stadtviertel deutscher Großstädte ergab sich etwa folgendes Bild (Dabei repräsentiert jeder Punkt ein Stadtviertel): Quelle: Bertelsmann Stiftung
Je prekärer die Lebensverhältnisse in einem Stadtviertel oder Stimmbezirk, desto geringer ist die Wahlbeteiligung.[…]. Unsere Wahlergebnisse sind, gemessen an der Sozialstruktur der Wählerschaft, nicht mehr repräsentativ“, so der Wahlforscher Armin Schäfer.

Auch bei steigender Wahlbeteiligung zeigt sich eine soziale Spaltung. Langzeitarbeitslose und Menschen in prekären Lebenslagen lassen sich weniger mobilisieren als Menschen mit gutem oder sehr gutem Einkommen, so eine weitere Studie der Bertelsmann Stiftung zur Landtagswahl 2017 in Nordrhein-Westfalen.

Die Tatsache, dass so viele langzeitarbeitslose Menschen nicht mehr an Wahlen teilnehmen, hat die Initiatoren der Studie schockiert. Sie wollen die Motive dieser Menschen erforschen und darauf aufbauend Lösungen entwickeln.

Während es viele quantitative Studien zum Thema gibt, fehlt es an qualitativen Untersuchungen. Hier setzt die Studie „Gib mir was, was ich wählen kann." Demokratie ohne Langzeitarbeitslose? an. Die Initiatoren wollen Politikerinnen und Politiker mit den Ergebnissen konfrontieren, die Ergebnisse in die politische Diskussion bringen und Lösungsansätze diskutieren.

Methode und Durchführung

Bei der Durchführung orientiert sich die Studie am französischen Soziologen Pierre Bourdieu, der feststellte: „Einige der besten Interviews meiner Studie wurden von Nichtsoziologen geführt.“ Deswegen interviewten ehemals oder aktuell Langzeitarbeitslose die langzeitarbeitslosen Nichtwähler/innen. Dieses Gespräch auf Augenhöhe macht es den Interviewten leichter, offen über ihre Erfahrungen und Positionen zu sprechen. Die Interviewerinnen und Interviewer waren außerdem in die Erarbeitung des Interviewleitfadens und in den gesamten Forschungsprozess eingebunden.
66 Interviews wurden im ganzen Bundesgebiet geführt, 35 mit Frauen, 32 mit Männern im Alter von 25 bis zu 65 Jahren, das Durchschnittsalter war 46 Jahre.

44 Interviews flossen in die Auswertung mit ein, acht werden in der Studie in gekürzter Form wiedergegeben und mit einer soziologischen Rahmung versehen. Die Rahmungen wurden jeweils von einem Mitarbeitenden der Denkfabrik, einem Wissenschaftler und dem Interviewer angefertigt.
Die Arbeit orientiert sich dabei am Diktum des Philosophen Spinoza: „Nicht belächeln, nicht bemitleiden, sondern verstehen.“

 

Ergebnisse der Vorstudie

Die Ergebnisse der Interviews lassen sich soziologisch in fünf „Grundmotiven für das Nicht-Wählen“ zusammenfassen:

1. Das „Nicht-Wählen“
zeigt sich als „Wahl“ eigener Art und als Botschaft an die Demokratie und ihre Institutionen und Akteure. Diese „aktive Wahl-Passivität“ hat die Botschaft: Das Vertrauen in die Politik fehlt.
Politiker „leben in ihrer eigenen Welt“.
„Warum soll ich das noch mit meiner Stimme legitimieren?“

2. Das „Nicht-zur-Wahl-Gehen“
ist Ausdruck eines verlorenen Glaubens an Sinn und Regeln der Demokratie. Viele fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.
Die Politiker„[…] könnten [etwas tun], aber sie wollen nicht.“

3. Das „Nicht-Wählen“
ist Ausdruck eines Selbstverhältnisses sozialer Ausgrenzung, Stigmatisierung und Marginalität. Die Menschen fühlen sich ausgegrenzt und machen die Politik mitverantwortlich für diesen Zustand. Zudem fehlt die Kommunikation zwischen Politik und Langzeitarbeitslosen.
„Man ist ein Mensch zweiter Klasse.“

4. Das „Nicht-Wählen“
ist Ausdruck eines Gefühls der Zwecklosigkeit des Wählens, weil „die da oben“ ohnehin „machen, was sie wollen“. Zudem werden Versprechen, die vor der Wahl gemacht werden, nicht eingehalten.
„Gewählt ist gewählt, jetzt könnt ihr nichts mehr machen“.   

5. Das „Nicht-Wählen“
ist Ausdruck eines Gefühls, dass eigentlich gar nichts zu „wählen“ ist und alle Parteien gleich „korrupte“ Lobbies für die Mächtigen und Reichen sind. Es fehlt an „sozialer Gerechtigkeit“.

Grundbefindlichkeiten
Aus der Studie lassen sich folgende Grundbefindlichkeiten der Befragten lesen:
Gefühl der Ausgrenzung und des Abgehängtseins
Angst vor Abstieg und Angst vor dem Abbau von sozialen Sicherungen
Verschämte Armut
Gefühl massiver sozialer Ungerechtigkeit
Ausgeliefertsein an die bürokratischen Willkür
Gefühl Bürger 2. Klasse zu sein
Desorientierung, Gefühl fehlender soziale Ordnung
Radikaler Vertrauensverlust in die gesellschaftlichen Institutionen
Rückzug und Konzentration auf die Privatsphäre

Forderungen an Politik und Gesellschaft

Die Mitarbeitenden der Denkfabrik haben 44 Interviews auf Forderungen und Apelle untersucht, die sich an die Politik und Gesellschaft richten. Sie sind hier verdichtet und zusammengefasst:
Hört uns zu, interessiert euch für unsere Lebenswelt und redet mit uns. Ignoriert uns nicht und setzt euch für uns ein.
Nehmt uns ernst mit unseren Problemen, Sorgen und Zukunftsängsten und behandelt uns respektvoll, so wie Menschen es verdienen.
Wir brauchen Unterstützung aber keine Belehrung, wie wir leben sollen. Erkennt unsere Leistung an.
Schafft mehr soziale Gerechtigkeit. Regiert nicht nur für die Wirtschaft und die Wohlhabenden.
Seid ehrlich und haltet Wahlkampfversprechen ein.
Wir wollen keine prekäre Arbeit, keine Zeitarbeitsverhältnisse, keinen Niedriglohn, keine geringfügige Beschäftigung und keine Aufstockung trotz Vollarbeit.
„Wir wünschen uns ein normales Leben.“

Statements zur Studie

„Wenn Langzeitarbeitslose mit Mitteln der Soziologie ihre eigene gesellschaftliche Lage und deren politische Implikationen kritisch erforschen, statt zum x-ten Male Objekt der Forschung zu sein, dann wird aus den viel beschworenen Ansprüchen auf „public sociology“ und „citizen science“ ernst.“
Prof. Franz Schultheis, Universität St. Gallen, Schweiz, wissenschaftliche Leitung

„Ich halte die Studie für bedeutsam, zeigt sie doch, wie wenig sich Langzeitarbeitslose von den etablierten Parteien vertreten fühlen. Die Automobilbranche, die Pharma- und Waffenindustrie und viele mehr haben in Berlin jeweils eine starke Lobby. Doch welche Partei setzt sich nachhaltig für die Interessen von Arbeitslosen ein? Ich sehe insoweit Handlungsbedarf."
Burkhard Lenk, Interviewer

„Wieder alle ins Boot zu ziehen, die "Abgehängten" nicht zu verlieren, das ist aus meiner Sicht eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Studie liefert interessante Ansätze.
Danke dafür."
Dunja Hayali, ZDF-Moderatorin

„Langzeitarbeitslosen eine Stimme zu geben, ist in der heutigen gesellschaftlichen Situation äußerst wichtig. Die Selektivität bei der politischen Partizipation nimmt immer weiter zu.
Das Konzept der Studie, in der  "Kommunikation auf Augenhöhe"  zentral ist, finde ich klasse. Die Interviews liefern wertvolle und ungefilterte Einblicke in das Leben von Menschen in prekären Lebenslagen.  Die Arbeit mit dem Team hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich konnte einiges lernen."
Jan Velimsky, wissenschaftlicher Mitarbeiter (Sozialwissenschaften, BA)

„Die Studie zeigt deutlich: Wer sich von der Politik nicht wahrgenommen fühlt, sieht auch keinen Grund, wählen zu gehen. Es ist höchste Zeit, dass die deutschen, aber auch die österreichischen Vertreter*innen der Arbeitsmarktpolitik die Lebensrealitäten von langzeitarbeitslosen Personen verstehen,  ihnen auf Augenhöhe begegnen, ihre Forderung nach einem „normalen Leben“ ernst nehmen und – am besten in Dialog mit den Betroffenen – Formen dauerhafter, existenzsichernder Beschäftigung schaffen."
Judith Pühringer, Geschäftsführerin von arbeit plus – Soziale Unternehmen Österreich

„Es ist in höchstem Grade alarmierend, wenn sich wichtige Gruppen aus den demokratischen Prozessen verabschieden. Wer ständig das Gefühl hat, dass sich die Politik nicht für ihn und seine Lebenswelt interessiert, fühlt sich  im Stich gelassen. Er verliert den Glauben an den Sinn und die Regeln der Demokratie. Das Nicht-Wählen ist eine Botschaft an die Gesellschaft, diese Menschen wahr- und auch ernst zu nehmen. Wir müssen uns aktiv um diese Menschen bemühen. Dazu  brauchen wir Politiker, die das Gespräch mit den Menschen suchen, damit diese das Gefühl haben, dazu zugehören und angehört zu werden. Das Feld dürfen wir nicht den Radikalisierern und Vereinfachern überlassen, die gerade in unsere Parlamente einrücken."
Ulrich Lilie, Diakonie-Präsident

Eine „Studie, die speziell die Langzeitarbeitslosen nicht nur adressiert, sondern bei der Methodik wurde versucht, ‚auf Augenhöhe‘ zu kommen, in dem die langzeitarbeitslosen Menschen von anderen Langzeitarbeitslosen interviewt wurden. Auch wenn die Studie aufzeigt, dass es die ‚Nicht-Wähler‘ nicht gibt und die Motive durchaus heterogen sind - es bleibt die Frage und die Aufgabe, wie man hier wieder eine stärkere Teilhabe - und das bedeutet immer auch eigene Beteiligung - hinbekommt. Die bisherigen Befunde eines weiteren Auseinanderlaufens zwischen ‚oben‘ und ‚unten‘ bei der realen Wahlbeteiligung stimmen pessimistisch. Dennoch und gerade deswegen: Die Suche nach Wegen, das aufzuhalten und möglichst umzukehren, wird von großer Bedeutung auch vor dem Hintergrund, dass es nicht nur zu einer Abwendung der Nicht-Wähler vom (partei)politischen System kommt, sondern auch zu einer Exklusion der Exkludierten aus dem Koordinatensystem derjenigen, die die Weichen stellen und die Entscheidungen treffen.“
Prof. Dr. Stefan Sell, Hochschule Koblenz

 

Studie bestellen

Die Studie erscheint Anfang August im Herbert von Halem Verlag, Köln:
Denkfabrik-Forum für Menschen am Rande, Sozialunternehmen NEUE ARBEIT gGmbH Stuttgart (Hrsg.)
„Gib mir was, was ich wählen kann.“
Demokratie ohne Langzeitarbeitslose?
Motive langzeitarbeitsloser Nichtwähler/innen
Köln, Herbert von Halem, 2017
ISBN (Print): 978-3-86962-293-8
ISBN (PDF): 978-3-86962-294-1
28 Euro
Die Studie auf der Homepage des Herbert von Halem-Verlags:
http://www.halem-verlag.de/gib-mir-was-was-ich-waehlen-kann-demokratie-ohne-langzeitarbeitslose/